Wissenschaftliche Zinskritik Teil 1 – Funktion und Herausbildung des Zinses

Die meisten haben sicherlich schon mal von unserem grundsätzlich defekten Geldsystem gehört, das durch den Zins und Zinseszins eine Vielzahl problematischer Verwerfungen verursacht. Zum Beispiel führt das exponentielle Wachstum (Richtung Unendlichkeit) einer jeden verzinsten Geldschuld zwangsweise und unaufhebbar zu einer in der Summe nicht mehr abzahlbaren Verschuldung, wodurch große Schuldner wie Staaten zwangsweise Bankrott gehen müssen – während sich der Reichtum immer weiter bei einer Minderheit der Geldbesitzer unaufhaltsam vermehrt, die große Mehrheit aber immer weiter verarmt ("Arm-Reich-Schere").

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Dies ist keine Ideologie oder Propaganda, sondern ein leicht nachprüfbares Modell der Realität eines zinsbehafteten Geldsystems – ein solches System muss immer wieder zwangsläufig in einem riesigen Crash zusammenbrechen. Aus diesem Grund ist es auch völlig absurd, Griechenland immer wieder Rettungspakete hinterher zu werfen – allein mathematisch bedingt ist das Tilgen der Staatsschuld unmöglich. Dies trifft aber auch auf nahezu alle Staatshaushalte zu, auch Deutschland kann realistisch betrachtet seine billionengroße Schuld niemals zurückzahlen.


Die wohl 3 besten Bücher zur wissenschaftlichen (und dennoch leicht verständlichen) Zinskritik:

Senf, Bernd
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Doch die Problematik und Folgen des Zinses für Wirtschaft und Gesellschaft werden in einem zweiten Teil hier im Blog detaillierter ausgeführt; in diesem ersten Teil widmen wir uns – auch für Laien leichtverständlich – den wissenschaftlichen Grundlagen der Zinsökonomie, um überhaupt verstehen zu können, worin die eigentliche Aufgabe des Zinses besteht und wie er sich historisch herausbilden konnte.

1. Herausbildung und Funktion des Zinses – Grundlagen einer wissenschaftlich fundierten Zinskritik

Dazu wird die ökonomische Funktion und Herausbildung des Geldes durch schematische Darstellungen analysiert, die ein tieferes Verständnis für den Wandel und die Eigenschaften des Geldes sowie des ihm anhaftenden Zinses ermöglicht. Die Grafiken stammen aus dem oben verlinkten Buch von der Koryphäe der Zinskritik Prof. Bernd Senf und wurden in eigener Anfertigung nachgezeichnet.

1.1 Naturaltausch

Die ursprünglichste und bei manchen indigenen Völkern noch heute[1] anzutreffende Wirtschaftsform ist die sogenannte „Subsistenzwirtschaft“; eine Selbstversorgungsgemeinschaft, die noch kein allgemeines Tauschmittel kennt und daher für den Austausch von Waren auf dem sogenannten „Naturaltausch“ fußt. In dieser Wirtschaft ist zwar die Arbeitsteilung nur geringfügig ausgeprägt, doch zur eigenen Bedürfnisbefriedigung scheint der Tausch mit den Erzeugnissen anderer Wirtschaftsteilnehmer unerlässlich – in Abbildung 1 symbolisch mit „Ware a“ gegen „Ware b“ dargestellt.[2]

1.1.1 Probleme des Naturaltausches

Wenden wir das Prinzip des Naturaltausches auf ein konkretes Beispiel an, so ergeben sich  schnell drei Probleme. Stellen wir uns dazu einen Bäcker vor, der beim  Schneider einen neuen Anzug in Auftrag gibt und ihm dazu eine angemessene Anzahl an Broten bietet. Zunächst einmal stellt sich hier die problematische Frage nach dem Austauschverhältnis der Waren untereinander: Wie viele Brote sind überhaupt einen maßgeschneiderten Anzug wert? Hat man sich hier auf beispielsweise 20:1 geeinigt, folgt das nächste, weit gravierendere Problem des Tauschhandels: Was soll der Schneider nun mit 20 Broten, wenn er doch nur eines am Tag verbraucht und der Rest innerhalb kurzer Zeit verdirbt? Er wäre also die meiste Zeit damit beschäftigt, die restlichen, nicht zum Eigenbedarf benötigten Brote weiter einzutauschen, während er seiner eigenen Warenproduktion immer weniger effizient nachkäme.  In einer arbeitsteiligen Wirtschaft wird dadurch je nach Ausprägung der Spezialisierung die Produktion gelähmt.

1 naturaltausch

Der Naturaltausch birgt also das Problem des Austauschverhältnisses, die Umständlichkeit des Tauschprozesses sowie eine blockierte Produktivität in sich.[3]

1.2 Einführung eines allgemeinen Tauschmittels

Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung wurden die Probleme des Naturaltausches von den Wirtschaftsteilnehmern zunehmend erkannt und sich Abhilfe durch Etablierung eines allgemeinen Tauschmittels verschafft. In diese Vermittlerrolle wuchsen jene Waren hinein, die aufgrund ihres besonders wichtigen Gebrauchswertes von allen Wirtschaftsteilnehmern  verwendet wurden und jederzeit problemlos eingetauscht werden konnten. Neben Fellen, Waffen oder Werkzeugen etc. war dies vor allem Salz.[4]

1.2.1 Vom Gebrauchswert zum Tauschwert

Salz diente durch konservierendes Pökeln dem Erhalt von Fleisch, war zudem in seiner Verfügbarkeit begrenzt, beliebig teilbar und relativ lange haltbar. Der Schneider hätte beispielsweise  statt der 20 Brote eine Handvoll Salz erhalten, die er wiederum selbst verbraucht oder jederzeit eintauschen kann. Zunächst wurden also allgemein begehrte Waren zu Tauschmitteln (siehe Abbildung 2) und damit zur zentralen „Drehscheibe“ im Warentausch, wenngleich ihr tatsächlicher Gebrauchswert noch im Vordergrund stand[5]. Bereits hier ist die allgemeine Überlegenheit des Tauschmittels gegenüber den anderen Waren beobachtbar.

2 erste tauschmittel wie salz

Die Zwischenschaltung eines Tauschmittels als Vermittler beim Tausch von Waren begünstigt also den Tauschhandel sehr. Umso mehr sich aber die Wirtschaftsteilnehmer an dieses Tauschmittel mit seiner allgemeinen Akzeptanz gewöhnten, desto mehr rückte sein tatsächlicher Gebrauchswert in den Hintergrund, sodass seine Kaufkraft verkörpernde Eigenschaft als Universaltauschmittel zunehmend in den Vordergrund rückte (Abbildung3).[6] Es ist also ein gewisser Wandel, ein Paradigmenwechsel der Wirtschaftsteilnehmer vom Tauschmittel des Benutzens wegen hin zu einem Tauschmittel des Tauschens wegen zu erkennen.

3 geld entsteht noch kein zins

1.3 Gold und Geld als neue Tauschmittel

Diese in Abbildung 4 skizzierte Entwicklung fortführend, übernahmen zunächst Edelmetalle wie Gold und Silber, später Papierwährungen die Funktion des reinen Tauschmittels – das Geld war geboren.

3 tauschwert

1.3.1 Eigenschaft des Geldes

In den natürlichen Fluss der Warenzirkulation tritt nun also eine nur als Tauschmittel agierende Ware „Geld“, die selbst keinen Gebrauchswert mehr verkörpert und allein ihres natürlichen Charakters wegen eine Reihe von Schwierigkeiten mit sich bringt. Diese Natürlichkeit besteht in der Überlegenheit des Geldes gegenüber allen anderen Waren durch folgende drei Eigenschaften:

  • Geld/ Gold kann unbegrenzt zurückgehalten („gehortet“) werden, ohne zu verderben.
  • Geld/ Gold verursacht keine nennenswerten Lager-, Durchhalte- oder Wartungskosten.
  • Überflüssiges Geld/ Gold ermöglicht jederzeit den Einstieg in Spekulationsgeschäfte.

Das bedeutet konkret, dass Geld kein Äquivalent anderen Waren gegenüber darstellt, sondern ihnen grundsätzlich überlegen ist und damit die „Ebene der Waren“ verlässt (Abbildung 5) – Geldbesitzer sind also Warenbesitzern immer überlegen.[7]

5 geld ist waren überlegen

Dieser Widerspruch des Geldes als privates Wertaufbewahrungsmittel einerseits und öffentliches Tauschmittel andererseits haftet ihm bis heute an und wurde von Silvio Gesell 1916 in „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ erstmals genauer beschrieben.[8]

1.4 Rolle des Zinses im Wirtschaftskreislauf

Zurückgehaltenes Geld besitzt also erhebliche Vorteile – bei Keynes liest man in diesem Zusammenhang oft vom „Liquiditätsvorteil“. Unter diesen Bedingungen sind Geldbesitzer nur bereit, gegen eine entsprechend hohe Entschädigung auf die Vorteile des zurückgehaltenen (gehorteten) Geldes zu verzichten.[9] Bernd Senf schreibt hierzu weiter:

„Dieser Anreiz ist der Zins! Der Zins zieht das dem Wirtschaftskreislauf entzogene Geld wieder […] in den Kreislauf zurück [Abbildung 6], macht das zurückgehaltene, erstarrte Geld wieder zu fließendem Geld, zu einem allgemeinen Tauschmittel“[10]

6 ZINS entsteht, funktion des zinses

Der Zins versucht also, die private Funktion des Geldes gegenüber der öffentlichen Funktion zu neutralisieren, auszugleichen, um das Geld schließlich wieder auf die Ebene der Waren zurückzuziehen und den Fluss der Waren ohne Störung zu ermöglichen. Damit erfüllt der Zins die Funktion einer Geldumlaufsicherung: zurückgehaltenes Geld wird nur durch Zinsanreiz wieder auf den Kapitalmarkt gezogen, wo es in Form von Krediten weiter fließen kann.[11]

Warum aber diese Methode der Geldumlaufsicherung langfristig nicht funktioniert und welche Probleme sich daraus ergeben, wird in einem zweiten Teil zur Zinskritik erörtert.

Absolut empfehlenswert zur Thematik ist auch ein nur etwa einstündiges Video von Prof. Bernd Senf, in dem er die Zinsproblematik wunderbar präzise zusammenfasst und auch für Nichtwissenschaftler verständlich erklärt:

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Quellenangaben:

[1] Vgl. Abram, Matthías (u.a.): Indigene Völker in Lateinamerika und Entwicklungszusammenarbeit, Heidelberg 2004, S. 36.

[2] Vgl. Senf, Bernd: Der Nebel um das Geld. Zinsproblematik, Währungssysteme, Wirtschaftskrisen, 5. Auflage, Lütjenburg 1998, S. 15.

[3] Vgl. Ebd., S. 17.

[4] Vgl. Brunner, a.a.O., S. 48.

[5] Vgl. Senf: Der Nebel, a.a.O., S. 18.

[6] Vgl. Senf, Bernd: Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise, 5. Auflage, München 2008, S. 80.

[7] Vgl. Senf: Der Nebel, a.a.O., S. 39ff.

[8] Vgl. Thiel, Christian: Das "bessere" Geld. Eine ethnographische Studie über Regionalwährungen, Wiesbaden 2011, S. 136.

[9] Vgl. Creutz, a.a.O., S. 88.

[10] Senf: Der Nebel, a.a.O., S. 42.

[11] Vgl. ebd., S. 44.


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2 Gedanken zu „Wissenschaftliche Zinskritik Teil 1 – Funktion und Herausbildung des Zinses

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