US-Kulturkritik – eine unipolare Reisepolemik

Vor einigen Jahren reiste ich mehrere Wochen entlang der US-Ost-Küste und notierte mir Auffälliges. Folgend eine explizit unipolare Auflistung meist negativer Subjektiveindrücke über die dort anzutreffenden Zu- und Missstände von Kultur und Gesellschaft ohne Anspruch auf Richtig- oder Vollständigkeit:

  1. Wenn es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt, so haben die USA bereits beim Betreten ihres Grund und Bodens hoffnungslos verloren: 2 Stunden nach lästigem Flug anstehen, nur um seine Fingerabdrücke abgeben zu dürfen. Währenddessen laufen überall schlecht gelaunte private und staatliche Securities herum, verbieten die Handynutzung und sprechen willkürlich(e) Ermahnungen aus.
  2. Überall viel mehr und viel dreistere Propaganda als hier. Beim Ausstieg aus dem de4dc70fa9ce76ed6d9bcaaafa2c6ce6Flugzeug im Gang hingen überall Propaganda-Plakate von Konzernen. Auf einem wurde tatsächlich saubere Kohle oder die umweltfreundliche Kernkraft angepriesen.
  3. Die Fahrt durch Städte außerhalb der Großstadt erinnerte mich oft an den Zustand von Ungarn der neunziger Jahre. Alles sehr heruntergekommen, ungepflegt, gepfuscht und notdürftig „repariert“ – ich bekam insgesamt  schnell das Gefühl, hier eine Gesellschaft im inneren und äußeren Zerfall vorzufinden.
  4. Der zwischenmenschliche Blickkontakt fällt viel geringer aus als hier. Jeder scheint auf sich fokussiert und kümmert sich nicht um die Blicke anderer – beim Aneinandervorbeigehen findet selten Blickaustausch statt.
  5. Ständig irgendwelche staatlichen und auch privaten Warnhinweise und –schilder. Sei es „Vorsicht vor Insekten“ im Park oder gerne auch überall in Geschäften vor jedem Höhenunterschied – wohl um sich vor Klagen zu schützen.
  6. Wir waren fast jeden Tag in einem anderen Hotel und empfanden als sehr störend und nicht nachvollziehbar, wieso es gang und gäbe schien, den Hotelgast vom Personal früh morgens unaufgefordert wecken zu lassen. Land of the free?!
  7. Wesentlich heftigere Sicherheitsmaßnahmen überall. Nicht nur hatten sie damals schon am Flughafen den Körperscanner im Einsatz – selbst wenn man auf die Hochhäuser zur Aussicht oder in irgendein beliebiges Museum wollte, wurden die Rucksäcke geröntgt und man musste durch einen Metalldetektor laufen.
  8. Fast alle Häuser der Vorstädte waren aus Holz gebaut und sahen entsprechend verwittert aus („abgeranzt“ wegen des abblätternden Lacks). Steinhäuser sucht man dort vergebens außerhalb der Villenviertel. Entsprechend rar ist der Beruf des Maurers gesät.
  9. Pommes frites nennt man schlicht Chips, was anfangs zu ganz schönen Irritierungen führt. Einen Burger („single sandwhich“ genannt) kann man fast nie einzeln im Restaurant bestellen, immer nur mit „chips“ zusammen. Land of the free?!
  10. Kinder sehen wirklich wie man es sich vorstellt auffällig oft derb verfettet aus. Solch ungewohnter Anblick ist hierzulande Gott sei dank (noch?) die absolute Ausnahme, dort aber Normalzustand.
  11. Inkonsequenz: keine Helm-, aber Gurtpflicht (zumindest im Staat New York, wohl unterschiedlich je nach Bundesland)
  12. Nirgends gibt es eine Altstadt. Klar ist deren Geschichte recht jung, aber selbst davon sieht man bis auf ganz wenige Einzelgebäude nichts.
  13. New York City hat nichts, was Berlin nicht auch hätte – außer unnötig hohe, das Tageslicht in den Straßen raubende Häuser.
  14. Getränke auf der Speisekarte stehen fast immer OHNE Preis da. Dafür bekommt man standardmäßig kostenlos eisgekühltes Leitungswasser, das aber mit so viel Chlor angereichert wurde, dass viele USA-Reisende anfangs Durchfall davon bekommen. Zudem können einmal gekaufte Getränke meist kostenlos nachgefüllt werden.
  15. Niedriges Bewusstsein der Menschen für Umwelt und Tiere. Beispiel: Beim Hochseeangeln war es völlig normal, dass die etwa 30 Personen (nur wenige Auslandstouristen) die lebenden Fische nach dem Fang in den trockenen Eimer warfen und dann dort verenden ließen! Das Leid der Tiere hat niemanden gekümmert. In Deutschland wäre das – zurecht! – ein eklatanter Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Irgendwie gesellschaftssymptomatisch für die dort oft anzutreffende „Nach uns die Sintflut“-Attidüde. Dies zeigt sich auch im überall zu lesenden Spruch „God bless America“ und dem fiktiven Untertitel „and all the others could die, fuck yeah“.
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  16. In vielen Restaurants hieß es: „Wenn 6 oder mehr Gäste als Gemeinschaft kommen, wird das Trinkgeld automatisch auf 20% des Endbetrages festgelegt“ (WTF?!). Ohnehin waren iirc immer mindestens 15% Trinkgeld Pflicht zu bezahlen. Land of the free?!
  17. Kleidungsstücke sind meist viel billiger bei gleicher Qualität. Lebensmittel im Supermarkt hingegen bei deutlich schlechterer Qualität deutlich teurer – schlimmer als Tankstellenpreise.
  18. Zu beobachtender Fashion-Trend der Jugend: seine Kniestrümpfe bis zum Anschlag hochziehen (in kurzen Hosen).
  19. Das Straßen- und Stadtbild ist generell sehr amateurhaft, unfertig – viele Straßen brechen auf und wirken wie gepfuscht. Deutsche Straßen wirken dagegen wie eine makellose Rollbahn, wie in einem Atemzug Gottes geteert. Anderes Beispiel: Auf der Brooklyn-Bridge in New York hielt man zwei Stahlseile beieinander, indem man massenweise Panzerband (!) um sie wickelte.
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  20. Wenn man (als Amerikaner wohlgemerkt) eine SMS bekommt oder angerufen wird, zahlt man Geld dafür. Land of the free?!
  21. Viele Autos würden in Deutschland niemals eine Straßenzulassung bekommen. Dort hilft man sich auch gerne mal mit Kabelbindern aus, die kaputte Felgen zusammenhalten…
  22. Im Supermarkt ist der Kassenendpreis immer eine Überraschung, weil die Steuern erst DANN aufgeschlagen werden und nicht im angegebenen Preis enthalten sind (außer bei Benzin, das wirklich günstig ist).
  23. Von dort lebendem Emigranten erfahren: Der Amerikaner lebt von der Hand in den Mund, spart wenig und gibt gleich alles aus. Wohl viel fürs Essen, weil es Standard ist, dort häufig im Restaurant zu essen.
  24. So kommt es auch, dass er gerne mal für ein normales Restaurant (!) über 2 Stunden (!!) ansteht, nur um Essen zu gehen. Die Leute stehen echt 2 Stunden vor einem Restaurant Schlange – kaum zu glauben! Und so kommt es wiederum auch, dass man als Gast nach dem Essen sehr flott die Rechnung erhält  und zum Gehen aufgefordert wird – schließlich hängt einem der nächste Kunde schon im Nacken. Sehr ungemütlich.
  25. Mancherorts anzutreffende Spracharroganz: selbst wenn man sie höflichst darauf hinweist, ausländischer Tourist zu sein und daher bitte l-a-n-g-s-a-m-e-r zu sprechen, reden sie im schnellen Slang weiter. Ansonsten sind sie grundsätzlich viel freundlicher als hierzulande, wenngleich diese Freundlichkeit nicht selten gespielt ist (wirkt?) und daher wie geheuchelt rüberkommt.
  26. Hoher Körperkult: viel mehr Menschen haben ein Tattoo und sind durchtrainierter. Ohnehin sind die zwei Extreme zwischen fettleibig und muskulös sehr auffällig.
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  27. Frühstück im Hotel bezahlt man zusätzlich, mindestens aber die Milch und solche „Extras“.
  28. Land of the free? Nun: Normalerweise werden in den USA ab 2 Uhr morgens die Schotten dicht gemacht (Bar, Disco). In NY darf man aber großzügigerweise bis sagenhafte 4 Uhr unterwegs sein – how free! (da beginnt in manchem Berliner Club die Party erst richtig)
  29. Kalorienangaben sind uneinheitlich angegeben: nämlich entweder pro Portion oder pro Packung, nicht aber wie es sich gehört auf 100g berechnet – ein müheloser Vergleich ist somit recht schwierig.
  30. Wirklich positiv: nur wenige Menschen rauchen, in der Öffentlichkeit ist es stark verpönt. Oft gibt es sogar separate Raucherbereiche vor Hotels oder es wird gleich ganz verboten, vor dem Restaurant zu rauchen.
  31. Es gibt keine offiziellen Bordelle, maximal Stripclubs. Prostitution wird somit noch mehr in den kriminellen Untergrund verlagert als ohnehin schon.
  32. Aussage eines dort lebenden Emigranten: Wer beim öffentlichen Urinieren erwischt wird, hat gute Chancen in die öffentlich einsehbare Kartei für Sexualstraftäter zu kommen – da ja das Geschlechtsteil herausgeholt wurde und somit im öffentlichen Raum stand.
  33. Es gibt wesentlich mehr Werbung auf den Straßen, in der Stadt und sogar ständig auf den Highways.
  34. Toll: die städtische Begrünung und auch die dörfliche ist meist sehr gepflegt, weitflächig und schön anzuschauen. Teilweise hängen Blumenkübel an den Ampeln oder Straßenschildern – hübsch!

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Um es zusammenzufassen: Unendlich viel Schein, unendlich wenig Sein. Ein Begleiter sagte: das Bild wird viel schöner gemacht, als es tatsächlich ist.

Als äußerst heterogenes Land können die gewonnenen Eindrücke nur schwerlich auf das gesamte Land übertragen werden. Auch gab es viele positive Seiten, etwa Landschaft oder Freundlichkeit der Leute. Die Westküste möchte ich eines Tages noch kennenlernen. Wichtig: dies ist eine bewusst unipolar gehaltene Reisepolemik und kein Anti-Amerikanismus!

Übrigens kann man hier bei Reddit nachlesen, wie es Amerikanern ergeht, die das erste Mal Deutschland bereisen. Sehr amüsant :)

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